Auch für Kulturhistoriker spannend

Benedikt Hutter mit seinem Projektor für Super-8-Filme. Das Vorführgerät hat schon fast musealen Wert. Weil Hutter den Grossteil seiner Filme digitalisieren und auf DVD brennen liess, kommt es aber kaum mehr zum Einsatz. (Bild: Max Tinner)

Benedikt Hutter verfügt über Dutzende Stunden Filmaufnahmen, die zeigen, wie sich Kriessern und das Leben im Dorf am Rhein im 20. Jahrhundert verändert haben. Ausgewählte Sequenzen sind am Gwerblerfrühling Ende März zu sehen.

MAX TINNER

KRIESSERN. Über kaum ein Dorf dürfte es so viel historisches Filmmaterial geben wie über Kriessern. Zu verdanken ist dies dem einstigen Posthalter Heribert Hutter. Er hat bereits in den 1930er-Jahren zu filmen begonnen, zu einer Zeit, als zwischen Altstätten und Kriessern noch eine Postkutsche verkehrte.

Mit Märkli ins Kriessner Kino
Heribert Hutter veranstaltete jährlich eine Rückschau im Saal des «Adlers» oder der «Sonne». Mit Rabattmärkli aus dem Dorfladen seiner Mutter und seiner Schwester konnte man die Vorstellungen vergünstigt besuchen. Auch der 1937 geborene Benedikt Hutter, entfernt mit Heribert Hutter verwandt, schaute sich diese Filme gerne an. Fasziniert und inspiriert von Heribert Hutters Filmschaffen begann er bereits mit 15 Jahren, selbst zu fotografieren und ein paar Jahre später auch zu filmen.

Nebst ihm hat noch ein weiterer Kriessner, Emil Kobler, während Jahrzehnten gefilmt. «Emil Kobler hatte den Schneid, mitten unter die Leute zu stehen und sie von Nahem aufzunehmen», erinnert sich Benedikt Hutter. Beide filmten sie, wenn im Dorf etwas los war: an der Kilbi, bei Kirchen- und Familienfesten, aber auch Leute bei der Arbeit oder den Abbruch von Häusern, die für Generationen zum Ortsbild gehört hatten. Auch der Bau und die Einweihung der heutigen Grenzbrücke und der Abbruch der alten Holzbrücke über den Rhein wurde für die Nachwelt festgehalten.

Das Aus kam mit dem Fortschritt
Benedikt Hutter hat seine und Koblers Aufnahmen zusammengeschnitten. So entstanden im Laufe der Jahre zahlreiche Filmdokumente über das Dorfleben Kriesserns. Etwa um das Jahr 2000 hat Benedikt Hutter mit dem Filmen aufgehört – neue Techniken haben das Filmen mit Super-8-Schmalfilm, den er zuletzt verwendet hatte, abgelöst. Es wurde zusehends schwieriger, solches Filmmaterial zu bekommen. Von Kameras und Aufführgeräten oder nur schon Ersatzteilen dafür ganz zu schweigen. Und auf Magnetband-Video, das zur Jahrtausendwende gebräuchlich war, wollte Benedikt Hutter nicht mehr umsteigen. «Ich geh heute lieber wandern und Velo fahren», meint er. Nach einer Gedankenpause fügt er aber hinzu: «Manchmal würde es mich schon noch reizen.»

Die Filme in Benedikt Hutters Archiv, das nebst den eigenen auch die Aufnahmen Heribert Hutters und Emil Koblers sowie einzelner weiterer früherer Hobbyfilmer aus dem Rheintal umfasst, sind gleichwohl nicht vergessen.

Detailliert dokumentiert
In den letzten Jahren hat er sämtliche Aufnahmen digitalisieren und auf die heute gebräuchlichen DVD-Scheiben brennen lassen. Ausserdem hat er für jede Disk akribisch genau festgehalten, wer auf den Aufnahmen zu sehen ist. Eine Heidenarbeit, bedenkt man, dass das Archiv 90 DVDs umfasst, jede mit einer Aufführungsdauer von etwa einer halben Stunde.

Dieses filmische Gedächtnis ist nicht nur für die Kriessner und Heimweh-Kriessner von Bedeutung, die sich für Aufnahmen mit Familienangehörigen interessieren, sondern mittlerweile auch schon für Kulturhistoriker. So konnte Benedikt Hutter letztes Jahr das Bayrische Fernsehen für die Dokumentarfilmreihe «Das kulinarische Erbe der Alpen» mit Ausschnitten von einem Törggahülschet aus den 1940er-Jahren bedienen.

Am Gwerblerfrühling zu sehen
Ausgewählte Aufnahmen aus Benedikt Hutters Archiv wird man während des Kriessner Gwerblerfrühlings in einem «Heimatkino» im Löwensaal der Mehrzweckhalle sehen können. Die Bandbreite reicht von Aufnahmen aus der Anbauschlacht zur Zeit des Zweiten Weltkriegs bis zu Sequenzen aus der Kriessner 750-Jahr-Feier von 1979. DVDs mit den abwechslungsreich zusammengeschnittenen Filmsequenzen werden Interessierte am Informationsstand des Gwerblerfrühlings dann auch kaufen können. Die Gewerbeschau mit über 50 Ausstellern findet vom Freitag bis Sonntag, 28. bis 30. März, statt.


Tagblatt Online, 21. Februar 2014

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